
"Ich sah aus wie Dschingis Khan!" Der Bart ist seit zwei Jahren ab.
Der 1932 geborene Piemonteser Umberto Eco über Bücher (Gesprächsfetzen aus einem von Felicitas von Lovenberg für die FAZ geführten Interview):
"Für gewöhnlich kaufe ich keinen neuen Bücher, denn meist treffen sie in großer Zahl ohnehin ungebeten ein. Das Problem ist eher, wie man sie wieder los wird. Ich bin von der Wirtschaftskrise gewissermaßen gerettet worden. Sie hat die Menge an Büchern, die mir ungefragt von Verlagen zugeschickt werden, um gut siebzig Prozent reduziert. Die übrigen dreißig habe ich anfangs versucht, Krankenhäusern oder Gefängnissen zu geben, doch dann teilte man mir mit, dass die Sorte Bücher, die ich spende, Häftlinge und kranke Menschen korrumpieren kann. Inzwischen gebe ich die meisten Bücher an die Universität. Dort stapeln wir sie dann auf einem sehr langen Tisch und machen einen Aushang: 'Take a book and run.' In wenigen Minuten ist der Tisch leer.
'Take a book and run'
Ich besitze fünfzigtausend Bücher. Wenn jemand eines aus dem Regal nimmt und es an anderer Stelle zurückstellt, geht es mir auf immer verloren. Die Hälfte meiner Bibliothek bezeugt den Geschmack und die Interessen unserer Zeit. Die andere jene, die die Zeiten überdauert haben. Aber wenn sie alte Bücher sammeln, interessiert sich kein Mensch dafür. Sie können ihre Freuden nicht teilen, nicht mal mit einem anderen Sammler. Denn entweder sammelt er etwas anderes und interessiert sich nicht für ihre Trouvaille. Oder er sammelt auf demselben Gebiet - und dann ist er eifersüchtig! Mein größter Rivale ist mein Nachbar. Unglücklicherweise ist er außerdem der reichste Mann Mailands. Einmal hatte ich ein Exemplar des Dialogus de Laudibus Sanctae Crucis von 1503, ein geheimnisvolles Werk. Bei einem Antiquar in Brüssel fand ich ein weiteres Exemplar, ungebunden, das praktisch nichts kostete. Ich nahm es mit heim, gab es meinem Buchbinder, der ihm einen guten Einband verpasste. Dann sagte ich zu meinem Nachbarn: Hör mal, ich habe Dialogus de Laudibus Sanctae Crucis, wollen wir nicht tauschen? Er sagte nein. Daraufhin ging ich zu einem befreundeten Händler und gab ihm das Buch. Er verkaufte es meinem Nachbar für eine enorme Summe und teilte den Gewinn mit mir. Damit ziehe ich meinen Nachbarn seither auf. Er hätte es umsonst haben können.
Unglücklicherweise der reichste Mann Mailands
Die meisten Bücher, die wir heute lesen, bestehen aus recyceltem, säurefreiem Papier, das mit dem früheren nichts mehr zu tun hat. Vielleicht bekommen wir in Zukunft Plastikseiten. Aber an Format und Struktur des Buchs hat sich seit seiner Erfindung nichts geändert, egal, woraus es hergestellt wird. Da ich mit dem Alter immer weitsichtiger werde, muss ich wohl bald die Zeitung auf dem iPad lesen. Und falls Sie die Ilias als E-Book lesen wollen: Bitte. Nur: Alles, was wir über uns wissen, verdanken wir der Überlieferung aus Büchern, und das seit bald zweitausend Jahren. Bisher aber gibt es keinen Beweis dafür, dass die elektronischen Geräte ähnlich lange überdauern werden. Und dann ist da unsere taktile, haptische, auch emotionale Verbindung mit Büchern. Dass wir den persönlichen Kontakt verlieren, ist nicht nur für Bibliophile ein Desaster. Eine kleine Minderheit elektronischer Taliban wird nur mit iPads und E-Books umgehen, alle anderen werden Bücher weiterhin brauchen, davon bin ich überzeugt."
