Holz



Fotografiert im Teutoburger Wald.

Basic Body Repair & Paint Techniques

What makes you happy?’, I asked. – ‘If I order coffee and am served tea.’

(Kreidler, Appearance and The Park)


Heroin und Joga setzen am gleichen Punkt an; am Basisschmerz, den jeder ständig in seinem Körper verspürt. Am Intensivsten wahrnehmbar, wenn man sein Augenmerk auf eine bestimmte Stelle richtet. Die Methodik der beiden Drogen ist aber völlig unterschiedlich. Wo Heroin die Schmerzen ausschaltet und so dem Denken erlaubt, sich gänzlich und linear auf eine Tätigkeit zu konzentrieren, da zelebriert Joga den Schmerz.

Ein Problem des Heroin ist, dass mit seinem Gebrauch die Innenwahrnehmung nicht mehr mit der Aussenwahrnehmung kongruent läuft. Der in sich ruhende Junkie ist für den Beobachter ein krakeelend lallendes Etwas. Seine Haut ist teigig grau, von der Beschaffenheit eines gerupften Truthahns. Ein andere Schwierigkeit liegt darin, gutes Heroin zu bekommen. Das ist nämlich nicht zu bekommen. Stattdessen bezahlt der Junkie für einen verschnittenen Dreck, von dessen Inhaltsstoffen er nur ahnen kann. Und er bezahlt satt. Zum Hauptproblem des Konsumenten aber wird seine Abhängigkeit; warum auch nicht: schmerzfrei und fokussiert zu sein, ist ja nicht das Schlechteste. Wo aber eben das konzentrierte Denken noch zu wirklich tollen Ergebnissen kam, da regiert von nun an nur die eine Frage, nämlich, wie das Geld zu beschaffen sei für die nächste Ladung Rauschgift. Alle Kreativität ordnet sich fortan dem Ziel unter, den schnellsten Weg zur Suchtbefriedigung zu finden, das heißt Kinder, Alte und Schwächere, Partner und Freunde zu belügen, zu betrügen, auszuliefern und auszunehmen. Der Basisschmerz war natürlich nie wirklich verschwunden, er kann gar nicht verschwinden, das würde allen physikalischen Erhaltungsgesetzen widersprechen, sondern wurde nur in eine andere Zeitebene gepresst, in eine kommende Zeit, wo die Droge fehlen und der Schmerz dann potenziert zuschlagen wird. Es gibt kein Entrinnen, hör mit Schmerzen, draussen ist feindlich, nun musst Du den Truthahn verspeisen, und der schmeckt kalt und bitter.

Lasst die Finger davon, Kinder. Es sei denn, Ihr seid Keith Richards. Denn gegen Keith Richards gibt es wenig Argumente.

Gegen Sting gibt es eigentlich nur Argumente. Dass er Joga übt, aber gehört nicht dazu. Als erstes, vergiss Menschenfeindlichkeiten wie Hinduismus, Buddhismus oder anderen Religionsquatsch. Joga ist das Bereitstellen – vor jeglicher Aktivität. Die Gelassenheit – während jeglicher Aktivität. Und die Regeneration – nach jeglicher Aktivität. Joga ist Aufwärmen, Übung und Entspannung. Joga schärft die Konzentration, schafft Haltung und lehrt das Atmen. Joga geht überall. Im Tourbus, unterm Tisch, aufm Schrank. Glücklich, wer auf so eine coole Lehrerin wie Hiltrud L treffen darf, die Meisterin des Kölschen Pops – H Nieswandt, E v Lieshout, H Schmidt, A Zerlett, C Biermann, S Pitcher undsoweiter. Iyengar Joga kitzelt Nerven, weitet Kanäle und dehnt Sehnen. Man braucht keine speziellen Gerätschaften, kann aber allerlei Dinge zur Hilfe nehmen. Bank, Decke, Klotz und Stein. Iyengar Joga ist präzise. Und lässt Dich Deinen Körper deutlich spüren. Und Du gehst genau in den Schmerz hinein, und dann spaltest Du ihn und gehst zwischen ihm noch tiefer hinein, spaltest erneut undsoweiter. Hiltrud L sagt: undsoweiter. Sich nach durchzechter Nacht in die Gurte zu quälen, es gibt wenig Schöneres. For a start: wer es vermag über „Aum”, das dritte Auge und den Schmetterlingsschlag hinwegzuhören, der kann auch bei jeder anderen Jogaschule zugreifen, selbst bei neu designter coffee-table Ware wie Powerjoga, Jogilates oder Hotjoga. Etwas Besseres als Rhythm’n'Blues findest Du allemal.

Andreas Reihse

Der Autor veröffentlicht seit 1994 gemeinsam mit Thomas Klein und Detlef Weinrich unter dem Namen KREIDLER Düsseldorfsche elektronische Musik. Das jüngste, im Herbst letzten Jahres erschienene Album "Mosaik 2014" wurde weithin gelobt. Ende März 2010 folgt die Auskopplung "Impressions d' Afrique" mit einem Unit 4 Remix. Andreas Reihse schreibt das Blog Kreidler - The Master Precision of Electronic Music auf spex.de, in dem er vom Leben mit der Musik berichtet.

Nebenbei (6)

Die Empfehlungen der Woche:

MUSIK

Earthology heisst das neue Album der "legendär grandiosen" (Andrian Kreye) Whitefield Brothers. Hinter diesem schmucken Namen stecken Jan und Max Weißenfeldt, die beim Stones Throw Sublabel Now Again Records heimisch geworden sind. Es klingt denn auch weltläufig, angestaubt und psychedelisch - kurz: toll. - - - Die Sterne machen gemeinsam mit Matthias Modica von Gomma auf 24/7 noch mal was ganz anderes als verkopften Deutschrock. Es klingt nach Moroder und sagt "Ich gehe in die Disco/und nehm den Depri mit", was soll man da noch darüber streiten, was das jetzt genau eigentlich ist? - - - Angesichts zahlloser Gastbeiträge in der jüngeren Vergangenheit konnte man sich schon fragen, ob Fizzy Womack und Billy Danze nach plattenlosen Verträgen bei Roc A Fella und G Unit M.O.P nun als reinen Feature-Act begreifen. Nein, keineswegs, bei Koch Records ist - man muss fast sagen unter Ausschluss der Öffentlichkeit - ein Album erschienen. Es heisst Foundation und ist genau das, worauf man gewartet hat, wenn man für die beiden etwas übrig hat. Habe ich: Album der Woche. - - - Hip Hop in einer ganz anderen Darreichungsform gibt es auf der sehr fein produzierten RJD2 LP The Colossus zu hören, zumeist samplefrei, immer spannend und durchweg hörbar. - - - Blockhead spielt auf The Music Scene innerhalb einer schön knarzigen Beatarchitektur mit den Genres und sorgt so für ein musikalisches Frühlingserlebnis. Und das Cover der Woche. Wäre auch Album der Woche, wenn ich nicht so lange auf M.O.P. hätte warten müssen.

LITERATUR, FILM & KUNST

Der auf Hawaii geborene, in San Francisco ausgebildete und in Berlin lebende beste Internetzhautreizer aller Zeiten Nathan Cowen (im Bild) war diese Woche mit Haw-Lin aus seinem Cabinet of Natural Curiosity kurz wieder aufgetaucht, um daraufhin wieder zu verschwinden. Wir warten gern. Aber dieser "Donate"-Button ist nix. - - - Eric Pfeil schreibt u. a. in der FAZ über Popmusik wie kein zweiter ("Tortenmusik. Für a-ha Fans mit bipolarem Defekt" schrieb er etwa über das neue Album von Kashmir) und genau das ist der Grund, weshalb hier sein Buch Komm wir werfen ein Schlagzeug in den Schnee empfohlen wird. - - - Gar nicht mehr einkriegen kann ich mich darüber, wie toll es ist, was die sehr jungen Berliner Fotografen Max Paul und Jan Au zusammen mit dem Hamburger Autor Rick Reuther auf die Beine gestellt haben: Die Zeitlosschrift (allein der Titel!). Allesamt Könner und, wie es scheint, sehr nette Menschen. - - - Was Fantastic Man dem Herrn, wird The Gentlewoman der Dame sein oder: Wie Gert Jonkers und Jop van Bennekom aus dem Stand zu sehr einflussreichen Blattmachern wurden. Auch hier bleibt einem vor Staunen der Mund offen stehen. Vor allem wenn man bedenkt, dass damit eigentlich eine homosexuelle Zielgruppe angepeilt wird, die beiden haben vorher BUTT ins Leben gerufen. - - - Die erste Staffel von In Treatment (HBO, produziert von Mark Wahlberg) bewegt. Man ahnt nicht, wie sehr die Sympathien, die man zu Beginn für den Therapeuten und Protagonisten Paul Weston entwickelt hat, im Laufe der 43 Sitzungen noch auf die Probe gestellt werden. So geht Fernsehen, zumindest in Israel und den USA.

PRODUKTE

Seit ich irgendwo gelesen habe, dass Serge Gainsbourg sie gesammelt und überall in seinem Haus aufgestellt hat, habe ich den Keller durchsucht und bin fündig geworden: Die roten Cartier Boxen sind wunderschön. Kann man übrigens auch bei eBay finden. - - - Staubsaugen, das kann auch Freude machen: Damit nämlich! - - - A.G. Spalding & Brothers ist ein altes New Yorker Unternehmen, dass sich vor allem auf Schreibwaren spezialisiert hat. Keine Onlinepräsenz, keine Geschäfte in Deutschland und so dermaßen schöne Produkte - das macht einen natürlich raderkastendoll. Wer Hinweise hat, wo es was gibt: Raus damit, bitte. - - - Für Menschen, die gern mit ihren Laptops ins Bett gehen: Das Magazin Laptoptablett. - - - Von Philippe Dumas eigenhändig illustriert ist der neue Hauskatalog Le Monde d' Hermès Printemps-Été 2010.

Für das Poesiealbum

Wenn Kuckucklalla jammert, sagt sein Freund, der Scheele Hink, ihm:
"Eines schickt sich nicht für alle
sehe jeder wo er bleibe
sehe jeder wie ers treibe
und wer steht,
dass er nicht falle"

Die beiden wohnen wie Einsiedler im Haus auf der Anhöhe über der Stadt. Ihnen geht es gut: Vor dem Haus ein Gemüsegarten, hinter dem Haus der Wald. Im Winter sammeln sie erfrorenes Kleinwild und braten es sich dann. Eigentlich macht Kuckucklalla die ganze Arbeit. Dem Scheelen Hink wird nämlich schnell langweilig. Er geht dann runter in die Stadt und leiht sich bei der Witwe Bolte einen fliegenden Teppich.

Die Teppichreisen sind nicht ungefährlich. Besonders vor Walpurgisnächten sind viele Besentanten unterwegs, da ist Gedränge auf den Luftstraßen und an die Verkehrsregeln halten sich nicht alle. Deshalb hat der Scheele Hink immer seinen Engel dabei. Sie fliegen durch das Dröseltal, wo auf einem der Felsen Lore Bley hockt, Gitarre spielt und singt. Ihre Stimme ist vom Rauchen heiser. Bevor sie heimkehren machen sie jedes mal in Kappeshamm Halt.

Da hat es schon Ärger gegeben, denn der diensthabende Polizist hatte noch nie einen Engel gesehen und wurde frech. Den Engel machte das sehr ärgerlich und er verdrosch den Polizisten mit seiner Harfe, die dabei zu Bruch ging. Madame Zarathustra, die am Stadttor Würstchen und Nietzsche-Bücher verkauft, sah das kaputte Instrument und rief den beiden im Vorbeifliegen den Namen eines Handwerkers zu, der es reparieren könne. Sie landeten auf dem Kornmarkt, wo der Scheele Hink noch einen alten Freund besuchte, Franz Ferdinand Bratschke.

Dann ging er hoch zu Kuckucklalla. Er jammerte.

Fritz Brandt


Der Autor ist fünfundachtzig Jahre alt und lebt mit tausenden von Platten und Büchern in Düsseldorf-Flingern. Sein musikalisches und literarisches Wissen ist enzyklopädisch. Den hier veröffentlichten Text hat er handschriftlich in das Poesiealbum der Lektorin Eva Marie Ehrig eingetragen.

Du Musst Dein Laufen Ändern

Still aus dem Film Chariots Of Fire (1981).

Unsere Vorfahren legten täglich dreißig Kilometer zu Fuß zurück. Uns mutet man nicht mehr allzu viel zu, wir werden befördert - und das hat durchaus nachteilige Auswirkungen auf unsere Gesundheit. Rauszugehen und zu laufen muss nicht bedeuten, sich Plastiksachen anzuziehen, einen Gürtel mit Energiegels umzuschnallen und einen Pulsmesser.

Der deutsche Universalgelehrte Alexander Kluge (78) etwa geht fünfzig Schritte, die fünfzig darauf läuft er. In der Natur, mit Hund oder ohne. Keinerlei Materialaufwand und doch eine gute Übung, um den Kreislauf anzuregen. Besser Trainierte laufen natürlich durchgängig. Fünfzehn Kilometer sind dafür eine schöne Distanz. Wem dabei zu langweilig werden sollte, der kann z. B. durch Tempovariation und das Einbauen anderer Übungen für Abwechslung sorgen. Ideal für solche "stationären" Übungen sind die hierzulande mancherorts zu findenden Trimm-Dich-Pfade.
Wer einen solchen nicht in der Nähe hat, mag sich von der hier abgebildeten Kurzanleitung inspirieren lassen. Oder aber von der militärischen Ausbildung: Ein einfacher Lauf wird mit fünfzehn Kilo Gepäck auf dem Rücken sehr anspruchsvoll. Wenn man dabei noch singt, umso mehr.

Von Beohrstöpselung aber wird hier abgeraten, denn es will damit einfach nicht jene meditative Stimmung aufkommen, die sich besonders in den Endphasen langer und schwieriger Läufe einstellt; man sollte dem inneren Schweinehund und sich auch mal ein wenig ungestörte Zeit zu zweit lassen. Überhaupt ist Laufen eine dem Denken sehr zuträgliche Tätigkeit. Das sollte man nicht dadurch unterminieren, dass man beim Laufen über Gebühr spricht. Gesprochen wird ja sowieso genug. Und das Outfit? Schlicht und aus Baumwolle, so wie in Hugh Hudsons Chariots Of Fire.

Nebenbei (5)

Die Empfehlungen der Woche:

MUSIK

Hendrik Weber macht unter dem Alias Pantha du Prince anspruchsvolle elektronische Musik, ohne dass dabei der Anspruch dem Tanzbein im Weg stünde. So ist Black Noise eine sehr gelungene dritte LP geworden, als Gäste sind Noah Lennox (Animal Collective) und Tyler Pope (LCD Soundsystem) mit von der Partie. - - - Viel mehr als Disney-Kinderstar und Cash Money-Hooklieferant! Drake gibt mit Over einen ersten Vorgeschmack auf die für Mai angekündigte Thank Me Later LP. - - - Der Israeli Guy Gerber ist mit My Invisible Romance von Tel Aviv Richtung Berghain unterwegs. - - - Der Kreuzberger fLako indes orientiert sich eher an Kalifornien und dem Stones Throw-Sound, läuft aber keineswegs auf ausgetrampelten Pfaden, The First Spaceshit On The Moon eben. - - - Joy Orbison schließlich wertet eine musikalisch nicht armselige Woche mit seiner The Shrew Would Have Cushioned The Blow EP noch mal auf.

LITERATUR, FILM & KUNST

Zwei wirklich brauchbare sprachliche Leitfäden aus Häusern, denen man vertrauen darf: Das NZZ Vademecum und das NYT Manual on Style and Usage. - - - Blog auf Papier II: Merlin Bronques (lastnightsparty.com) fotografiert schöne und meist betrunkene Frauen, die sich auch gern für ihn ausziehen. Warum nicht? - - - DAS Buch über James Dean haben Sanford & Beulah Roth gemacht und wer noch nicht hat, der sollte aber bald mal. - - - Einen ganzen Haufen Zeitschriften habe ich aus der Bahnhofsbuchhandlung geschleppt, es waren herbe Enttäuschungen (GQ Style, die deutsche Ausgabe der L'Officiel Hommes), aber auch sehr erfreuliche Titel (die britische I-D mit Olivier Zahm-Interview, Monocle) dabei. - - - Wenn Militär und Esoterik sich treffen, wird es absurd. In Hollywood hat man die Möglichkeiten, das von Clooney, Bridges, McGregor und Spacey darstellen zu lassen und so wartet The Men Who Stare At Goats mit der wohl lustigsten Blockbuster-Szene des noch jungen Jahres auf (hier ansehen). Der eigentliche Wahnsinn aber ist, dass das Drehbuch sich auf tatsächliche Ereignisse stützt. - - - Mark Wahlberg als Produzent und HBO als Sender, das scheint irgendwie immer was zu sein. Auch Bored To Death ist eine so gute Serie, das man gar keinen Gedanken daran verschwenden sollte, ob sie vielleicht irgendwann mal im deutschen Fernsehen laufen könnte. Besser sofort ansehen.

PRODUKTE

Matte black everything: neue "Farbe" für die schöne Ray Ban Wayfarer. - - - Das bevorzugte Fortbewegungsmittel Meerbuscher Zahnarzttöchter: Das Hollandrad von Gazelle. Finde ich ganz gut, denn diese Fixies überall nerven ja so langsam mal. - - - Eines, das eine ganze Schachtel aufnimmt muss man erstmal finden (z. B. hier), die ständige Umpackerei ist manchmal lästig, aber es gibt sonst eigentlich nur Gründe für ein Zigarettenetui. Wenn man Gründe fürs Rauchen gefunden hat.

Im Kampfanzug

Wer behauptet, Hip Hop sei tot, der ignoriert die Vitalzeichen. Es wird soviel veröffentlicht wie nie zuvor. Dabei ist die Idee, Musik als körperlichen Tonträger, als Vinylplatte, Kassette oder CD zu verkaufen, durch das Internet überholt. Die Musikverlage als diejenigen, die diese Idee zu ihrem Geschäftsmodell gemacht hatten, erleben, wenn sie das Ausmaß der Umwälzung nicht schnell genug begriffen haben, schlechte Zeiten.

Musik kann einem sehr großen Publikum heute sehr schnell zugänglich gemacht werden. Paradox eigentlich, dass diese Verkürzung des Vertriebswegs, die Annäherung von Künstler und Publikum, sich retardierend auf die Kunstform auswirkt. Doch lähmt das Diktat kurzer Veröffentlichungsintervalle offensichtlich die Kreativität. Die weit überwiegende Anzahl der erscheinenden Alben enthält - wenn überhaupt - ein bis drei auffällige Stücke, der Rest ist Wegwerfware oder schlicht langweilig, weil völlig vorhersehbar. Verständlich, dass für so etwas immer weniger Menschen bereit sind, Geld zu bezahlen.
Wer hat es eigentlich überhaupt seit der Industrialisierung der Rapkultur geschafft, sich künstlerisch wirklich eigenständig zu entwickeln?

Jay Electronica vielleicht. 1976 als Timothy Elpadaro Thedford in Magnolia, New Orleans geboren ist sein Werdegang bereits so etwas wie ein Gegenentwurf. Er ist ein Spätzünder. Erst die Verbindungen seiner späteren Frau, Erykah Badu, ins Musikgeschäft haben dazu geführt, dass ein größeres Publikum von ihm Notiz nehmen konnte. Musik hatte er bis dahin einfach nur gemacht, er hat sie nicht verkauft. Das könnte einer der Gründe dafür sein, dass sie so pur und ungestreckt wirkt. 2008 hat er für die Nas LP den Aufmacher Queens Get The Money produziert. Es war der einzige Beat, wenn man das lose Piano so nennen will, auf dem Nas sein seit Jahren brachliegendes Potenzial umsetzen konnte. Und der einzige Höhepunkt des Albums. Den Gepflogenheiten des Geschäfts entzieht sich Jay Electronica seitdem jedoch spielerisch, der Hype um ihn beruht allein auf seinen außergewöhnlichen Fähigkeiten vor allem als Rapper, auch als Produzent. Und darauf, dass die Nachfrage das Angebot übersteigt. Marketing gibt es praktisch nicht. Die Badu bezweifelte jüngst gar, dass ihr Mann je ein "richtiges Album" herausbringen werde. Der selbst indes scheint sich in der Rolle des lange verkannten Hochbegabten zu gefallen:
„Guru told me to slow up the flow / ‘cause science and metaphors will slow up the dough / so here we go / gs up, hoes down / if rap was like blacks in the sixties / I‘m a white cop in riot gear“

Für die Hörer, deren Leidenschaft seit 1999 arg auf die Probe gestellt wurde, ist The Almighty Elohim die heilige Kuh ihrer Kultur. Endlich wieder ein MC, der sprachlich auf einer völlig anderen Ebene arbeitet, als es die meisten der seither als neue Sensationen vermarkteten Künstler tun. Jay Electronica muss sich nicht mit Phrasen behelfen, plumpe Lückenfüllerlyrik fehlt ganz. Die Texte sind immer stringent und à la minute. Zudem hat er ein untrügliches Gespür für Beats, auf denen er sich entfalten kann, denn auch musikalisch tut man sich schwer, Ansatzpunkte für ernstliche Kritik zu finden. Also, ein "richtiges Album". Bitte.

Die am 22. Dezember 2009 erschienene EP Exhibit C (produziert von Just Blaze) ist im iTunes Store erhältlich.

Fünf Tibetische Riten

Körperliche Ertüchtigung, für die man nichts braucht als eben seinen Körper, insbesondere keine kostspieligen Mitgliedschaften, das ist ein Thema, dem wir uns in einer losen Reihe von Beiträgen widmen werden.
Den Auftakt macht eine herrlich simple und effektive Routine, die man als die fünf tibetischen Riten bezeichnet und die natürlich am schönsten inmitten einer Gruppe asiatischer Einwanderer frühmorgens im Central Park ist. Weil das nicht immer machbar sein dürfte, ist es gut, dass es das Internet gibt.
Die Übungen sind wahrscheinlich von Mönchen aus bestimmten Yogahaltungen entwickelt worden und kombinieren drehende, dehnende, komprimierende und streckende Bewegungen. Durch die Abwechslung von Druck und Entspannung wirken sie äußerst anregend. In der ersten Woche sollten sie täglich mit drei Wiederholungen ausgeführt werden, danach kann man jedem Ritus pro Woche etwa zwei Wiederholungen hinzufügen, sollte aber nicht über einundzwanzig Wiederholungen hinausgehen. Auf eine langsame, tiefe und gleichmäßige Atmung ist zudem zu achten.
Kampf den Blockaden in unseren Chakren!

Hier zur Druckversion einer englischen Übungsanleitung von Mary Kurus (empfehlenswert).

Wie es geht

Morgens war er früh und schweißgebadet aufgewacht. Gewundert hat ihn das nicht. Alles war schwer geworden, weshalb also sollte das Schlafen ihm noch leichtfallen? Vor jedem neuen Tag stand er wie vor einer Wand, durch die er eine Route suchte. Wenn er eine fand, stellte sie sich meist bald nach dem Einstieg als zu schwierig heraus. Früher hatte er die Kraft gehabt, durchzusteigen. Früher.

Wie es ihm gehe, hatte sie wissen wollen. Erst legte er sich Antworten zurecht, die so klangen, als hadere er nicht mit sich und der Situation. Die den Eindruck erweckten, er sei von seinem Entschluss überzeugt und seine Gefühle gäben ihm recht. Er verwarf sie alle. Er wollte aufrichtig sein. Dann aber hätte er schreiben müssen, dass er einsam war und überfordert, niedergeschlagen und schwermütig. Dass er sich täglich zu betäuben versuchte und dass das immer seltener gelang. Kurz: dass es ihm beschissen ging und er dagegen ohnmächtig war. Dass er sich nichts mehr wünschte, als ihre Gegenwart. Auch das verwarf er. Er wusste schließlich nicht, wie es ihr ging und hatte Angst, sich zu offenbaren. Vielleicht ging es ihr ja gut ohne ihn und Mitleid zu erregen, nein, das wäre demütigend gewesen. Was aber, wenn es ihr nicht gut ging? Er erinnerte sich an den Anruf gestern früh, keine Nummer. Vielleicht war sie es gewesen. Es war zu viel vielleicht für eine Antwort.

Um sich abzulenken, griff er wahllos nach einem Buch. Darin las er, dass das emotionale Leben durch den Geruchssinn geregelt sei. Er verfluchte die Idee zu lesen, denn natürlich dachte er sofort an sie und daran, wie sie am ganzen Körper duftete. Es war aussichtslos. Lieber schenkte er sich nach und rauchte eine Zigarette. Das Telefon schaltete er ab.

Nebenbei (4)

Die Empfehlungen der Woche:

MUSIK

Aus Norwegen kommt von Lindstrom & Prins Thomas mit II ein Album, das einen völlig unproblematisch über etwas mehr als eine Stunde trägt. - - - Die Leon Lace EP Live From Henriques St. ist schon jetzt ein Anwärter für die Platte des Jahres: keine Samples, alles live eingespielt und aufgenommen mit Studioequipment auf dem technischen Stand der frühen Siebzigerjahre - atemberaubend und deshalb Platte der Woche. - - - Diplo stellt auf Free Gucci das Beste der Cold War Mixtapes zusammen, darunter sein eigenes Break Yourself Edit und ein Photo Shoot Remix von Flying Lotus. Nein, mit keinem anderen Rapper als Gucci Mane wäre das ein solches Vergnügen geworden. - - - Der siebenundzwanzigjährige Schwabe Konstantin Gropper ist unter dem Pseudonym Get Well Soon so etwas wie der Riesling der deutschen Musik, sein zweites Album Vexations wird allenthalben gehört und gelobt. Völlig zu recht. - - - Auf Beck Hansens Record Club Release Songs of Leonard Cohen versuchen sich Devendra Banhart, Binki Shapiro, MGMT u. a. an den Stücken der Legende und das ist manchmal (So Long Marianne) wirklich schön.

LITERATUR, FILM & KUNST

"Diese kleine Schrift will die Lehrsätze der Psychoanalyse in gedrängtester Form und in entschiedenster Fassung zusammenstellen" leitet Sigmund Freud seinen Abriss der Psychoanalyse ein - und hält dann Wort. - - - Giorgio Locatelli stellt in Made in Italy seinen tollen Rezepten Anekdoten aus seinem Leben zur Seite. Und was er über den hierzulande allgegenwärtigen Balsamicoessig schreibt, das hat meinen Blick auf dieses Produkt völlig verändert. - - - Die Poesie der Umständlichkeit: Das "Beste" aus Donald Rumsfelds öffentlichen Reden ist in dem schönen kleinen Bändchen Pieces Of Intelligence: The Existential Poetry of Donald H. Rumsfeld festgehalten ("I'm working my way / Over to figuring out / How I won't answer." - Evasion Haiku, Dec. 3, 2002, Department of Defense News Briefing). - - - Samstags am Kiosk, keine NZZ mehr da, aber die Gazzetta dello Sport: Tolle Farbe, tolles Format, leider so etwas wie eine Sprachbarriere. - - - Die gibt es auch bei der Elle Wonen aus den Niederlanden, allerdings sind da mehr Bilder drin und die sind besser als in sämtlichen deutschsprachigen Architekturzeitschriften. Die aktuelle Ausgabe widmet sich übrigens dem Thema Küche.

PRODUKTE

Für Menschen, die viel am Schreibtisch arbeiten und/oder abends häufig in orthopädisch bedenklicher Haltung einschlafen: Die Go Fit Foam Roll zur Selbstmassage. - - - Ich kann mich noch daran erinnern, wie ich Anfang der Neunziger mit meinem Cousin in der Garage meines Onkels begeistert in diesem Auto spielte. Weil ich jünger war, musste ich immer das Motorgeräusch nachahmen (anstrengend). Vielleicht ärgert sich mein Onkel heute, den stahlblauen Audi RS2 Avant verkauft zu haben. Ich jedenfalls täte das. - - - Jeden Morgen derselbe unheilvolle Ton, es ist eine Hassliebe, die mich mit dem Braun Reisewecker von Dietrich Lubs verbindet. Ich hasse ihn für das, was er tut und liebe ihn, weil er dabei so gut ausschaut. - - - Der mit Abstand beste Reiseanzug für ein Macbook ist das Cote et Ciel- Sleeve. - - - Auf meinem Wunschzettel steht die Kiehl's Body Scrub Soap, die ewige Arzt-Seifen-Duscherei habe ich nämlich über.

Die Firma und ihr Image

Ein offenbar sehr besorgtes deutsches Systemgastronomie-Unternehmen namens Blizzeria legt Bewerbern beim Vorstellungsgespräch diese Unterlassungserklärung vor:

"Ich verpflichte mich, als (sic) meine gesamte Arbeitskraft während der Arbeitszeit ausschließlich der Firma zu widmen. Ich werde, und das gilt auch außerhalb der Arbeitszeit, alles unterlassen, was der Firma oder ihrem Image schaden könnte. Ich verpflichte mich, für den (sic) jeden Fall der Zuwiderhandlung, zur Zahlung einer Strafe in Höhe von 500 Euro.

......, den.......
...................."

Entschuldigung.

In den zurückliegenden Tagen sind wegen einer Adressänderung technische Schwierigkeiten aufgetreten. Diese Seite ist jetzt (auch) unter www.thecoldspringjournal.com erreichbar.