Und plötzlich rennt ihr der Text weg: Die 1984 geborene Antonia Baum.
Oder: Schärft gefälligst Eure Axten! (eine atemlose Erregung). Jedenfalls muss es für Antonia Baum, eine der sehr wenigen, sehr jungen und sehr talentierten deutschsprachigen Autorinnen, unangenehm zugegangen sein beim Bachmannpreis dieses Jahr Ein Auszug aus ihrem im Juli in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung veröffentlichten Stück Wie ich einmal vorlas.
"Und dann erschrak ich, aber las weiter, automatisch rannte mein Text vor mir her hin zu dem Kritikerhalbkreis, der die Textseiten umschlug, blätterte, in meinen Innereien herumblätterte, dachte ich lesend, selber schuld!, dachte ich weiter, und dann wurde geklatscht, und mein Mund wart trocken, und es begann ein noch flüssigkeitsärmeres Gemetzel von einigen in die Jahre gekommenen Metzgern, denen der Staub aus den Gesichtern bröselte und deren Gelenke von ihrem literaturwissenschaftlichen Kalk quietschten und viel zu unbeweglich waren, um meinen Text mit Engagement umzubringen, so wie sich das für anständige Metzger gehört, denn anständige Metzger schärfen ihre Messer und hauen nicht stumpf und gelangweilt mit den immer gleichen Axten auf dem Tier herum, dachte ich, musste ich denken, weil es sich nicht gehört, etwas zu sagen, wenn die Kritiker reden, und das ist es ja, worum es hier überhaupt geht: Was sich in der Literatur gehört und was sich nicht gehört, was in der Literatur erlaubt ist und was nicht, was nicht geht."
Antonia Baums Romandebüt Vollkommen leblos, bestenfalls tot erscheint am 14. September bei Hoffmann & Campe (240 S., 20 Euro).
