"Die anderen sind alle nicht ganz dicht"

Im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung sprach Sebastian Schlösser über Manie und Depression. Auszüge:

Wie fühlt es sich an, manisch-depressiv zu sein?

Es ist wie eine lange Periode eines Hochgefühls, fast wie ein Drogenrausch oder ein emotionaler Amoklauf. Man hat die Energie und die Sprunghaftigkeit eines Kinds, aber auch eine Aggressivität und eine morbide, dunkle Seite. Es gibt immer wieder Momente des totalen Schocks. Man erkennt, was man alles kaputt getrampelt hat, wen man verletzt hat. Das ist wie der schlimmste Kater, nicht auf Kopfschmerzen bezogen, aber so, dass einem vor Scham der kalte Schweiß den Rücken runterläuft. Man lebt zwischen zwei Extremen.

Viele Künstler wie van Gogh oder Hemingway waren manisch-depressiv. Sie selbst waren als Theaterregisseur erfolgreich. Verleiht einem die Krankheit Kreativität?

Sie gibt einem Energie. Viele Leute sind kreativ, aber ihnen fehlt die Energie, deswegen wird oft nachgeholfen. In einer manischen Phase braucht man das nicht, da flitzen so viele körpereigene Drogen in einem herum. Man hat keinerlei Selbstzweifel, es ist wie auf Kokain.

Wie hat ihr Umfeld reagiert?

Unterschiedlich. Zunächst war es noch sehr lustig. Ich hatte ein Engagement in Berlin, das war ein übertrieben schöner Sommer, die Proben liefen toll. Aber dann wurde es immer extremer, bis auf der Premiere die Schauspieler die Polizei riefen, damit ich aus dem Saal verschwinde, damit sie loslegen können. Ich aber habe in dem Moment gedacht, die anderen sind alle nicht ganz dicht. Es hat noch längere Zeit gedauert, bis diese Einsicht kam. Zum Glück hat meine Frau in der Zeit hinter meinem Rücken die Fäden gesponnen, ein Netzwerk aus Freunden und Familie. Unbezahlbar.


Schlössers Buch "Lieber Matz, dein Papa hat 'ne Meise"erscheint am 16. September im Ullstein-Verlag (240 S., 18 Euro).